Wanderungen zur Schlafenszeit - eine Philosofiktion
Ich sitze auf einem breiten Ast auf einem uralten Baum am Rande der Lichtung. Grüne
Blätter umschmeicheln mich im sanften Wind, die Strahlen der wärmenden Sonne werfen
ein tanzendes Muster durch das Blätterdach auf mein Gesicht. Von meiner Position
aus lässt sich die Lichtung, der Weg und die kleine Steinbrücke, die über den schmalen
Fluss führt, gut überblicken. Die Lichtung verzaubert mich in ihrer unbelassenen Natürlichkeit,
das wilde Gras ist etwa Knie hoch, hier und da wachsen kleine Linden und Birken,
die einst wenn sie mächtiger werden, die Lichtung völlig in Vergessenheit geraten
lassen werden. Ich erkenne am Fuß meines Baumes Blaubeerbüsche, aber ich sehe auch
die roten Pünktchen wilder Erdbeeren.
Kurz überlege ich, ob ich von meinem hohen Aussichtsposten schnell herabsteigen soll
um mir die weitere Wartezeit mit einer Hand voll köstlicher Früchte zu versüßen. Aber
nein, von den köstlichen Gaben der Natur werde ich später noch zur Genüge naschen
können, der Punkt den ich auf dieser Lichtung beweisen will, ist ein anderer. Nur noch
etwas Geduld, es kann nicht mehr solange dauern.
Am Rande der Lichtung, einige Meter entfernt, hüpft eine Hirschkuh aus dem Dickicht.
Nach einigen eleganten Schritten wird sie zaghaft langsamer, bleibt stehen, hebt den
wunderschönen Kopf und blickt zu mir. Ihre Rehaugen sehen mich vorwurfsvoll an. Als
ob sie wüsste, dass ich nicht ihretwegen hier bin, als ob sie erahnen würde, dass die folgenden
Ereignisse auf dieser Lichtung sie nicht weiter betreffen würden, nichts in ihrer
Welt zu suchen haben, dreht sie sich um und schreitet hoch erhobenen Hauptes unter die
Bäume und entschwindet aus meinem Blick. Die Sonne nähert sich langsam den Wipfeln
der Bäume, es wird langsam spät. Im Dorf erwartet man gerade die Rückkehr der
Arbeiter von den Feldern. Meine Arbeit hier ist noch nicht erledigt, mein These noch
nicht bewiesen, noch warte ich.
Da endlich höre ich Schritte, brechende Ästchen, raschelndes Laub unter fremden Wanderstiefeln.
Ich wage mich nicht umzudrehen, nicht um meinen Baum herum zu sehen,
auf dem ich mich positioniert habe. Ich kann nur hoffen, dass er es ist. Die Schritte nähern
sich, ich sehe unter mir das reich bestickte Gewand eines großen aufrechten Mannes,
sein Schulterlanges Haar weht verspielt im Wind, kurz kann ich von oben herab
einen Blick auf sein kantiges Gesicht, seinen spitzen Bart und seine dunklen Augenbrauen
erhaschen. Seine Augen wirken kalt.
Er folgt dem Pfad weiter in Richtung Brücke, an seinem Gurt hängt ein mächtiges
Schwert in seiner Scheide. Zielsicher und stark schreitet er weiter. Er hat unser Dorf
verlassen, nachdem er mehrere Tage gepredigt hatte, zieht nun zum nächsten Ort um
seine Philosophie des Untergangs zu verbreiten. Sanft und leise gleite ich vom Baum,
geduckt husche ich ihm hinter her.
Zarathustra ist groß, zu groß für mich. Ich setze zum Sprung an, schnelle hoch, meine
Linke umschlingt seine Hals mein linkes Bein erwischt seine Kniekehle, das rechte angewinkelte
Knie trifft zielsicher seinen Rücken. Der Philosoph geht in die Knie während
meine beiden Beine wieder festen Boden erreichen. Nun ist der Hüne auf einer
Höhe, die es mir ermöglich seine Philosophie zu widerlegen. Während sein Hals noch
zwischen meinem linken Ober- und Unterarm eingeklemmt ist, zieht meine Rechte den
Dolch und rammt ihn dorthin, wo seine Wirbelsäule ist. Einmal, zweimal, dreimal, vier
mal, nocheinmal – viele weitere Male – steche ich auf seinen Rücken ein, plötzlich wird
der Kleine zum Großen, die Philosophie des Stärkeren hat versagt. Zarathustra bricht
vor mir zusammen, fällt unsanft auf den Bauch, sein Kopf klatscht auf den ausgetretenen
Boden des Waldweges.
Während sich die Strahlen der Sonne langsam verfärben, ihre Wärme verlieren und die
Lichtung in ein romantisches, abendliches rot tauchen, fließt und spritzt das Leben aus
unzähligen Wunden des Philosophen, entflieht und verliert sich im trockenen Laub des
Weges. Meine Stiefel stehen in einem Meer aus Blättern, die auf einem See aus verendendem
Leben wie kleine Schiffchen auf Wellen hin und her tanzen. Ich stehe aufrecht,
die Schönheit der Lichtung um mich, die Weite des Himmels, die unglaublichen Formen
der Wolken, durchbrochen von den letzten Strahlen der Sonne, über mir, das Rauschen
des Baches und das Säuseln des Windes dringen an meine Ohren. Es ist der wichtigste
Moment meines Lebens, entscheidend für den Fortbestand der Menschheit. Zarathustras
Wahnsinn liegt auf der Waagschale. Während sich das einst so mächtige Häufchen
Elend vor mir in seinem eigenen Blut krümmt, warte ich darauf, dass es seine eigene
Schwäche überwindet und daraus erstarkt hervor geht. Ich gebe ihm die Chance seine
Philosophie zu beweisen. Er hustet Blut, seine Hände sind unnatürlich im Krampf des
Todeskampfes verkrümmt. Ich habe seine Philosophie des Stärkeren widerlegt, an seiner
eigenen Schwäche geht er zu Grunde. Irgendwo dort hinter dem Vorhang des Waldesrands
heult eine Eule.
Ich werfe meinen Dolch hoch, er überschlägt sich in der Luft und als ich ihn mit der
Klinge nach unten zeigend fange, gehe ich mit ihm in die Knie. Ein letztes Mal rast
meine Rechte auf den Philosophen herab, die Schneide bohrt sich irgendwo zwischen
der dritten und vierten Rippe in das Fleisch. Ich führe die Klinge zur Mitte, wo die Rippen
mit den Wirbeln zusammen treffen.
Ich bin die Antithese. Die Kritik ist geäußert, die These hat sie mit voller Kraft zu spüren
bekommen. Kein Grund auf halbem Wege zaghaft zu werden, ich stochere und steche
an seinem Rücken herum, bis die Wirbelsäule freiliegt. Ein abartiger Gestank weht
mittlerweile über die Lichtung. Ich ziehe das Messer aus dem bis zur Unkenntlichkeit
verunstalteten Rücken und werfe es weg. Ich knie über dem einstig so großen Philosophen,
Stolz und ein ungeahntes Feuer brennen in mir. Mit den letzten Strahlen der Sonne,
die lange Schatten über die Lichtung werfen, ramme ich meine Faust in die Wunde,
umschlinge seine Wirbelsäule und reiße mit aller Kraft an.
Mein Werk hier ist vollbracht. Ich habe meinen Punkt mehr als gründlich belegt. Die
Sonne ist verschwunden, der Himmel und die Wolken samt ihren bizarren Formen sind
in ein unwirkliches Farbenspiel aus violett und weinrot gehüllt. Langsam und bedächtig
bahne ich mir meinen Weg durch die Wiese zum Ufer des Flusses. Ich wasche meine
Hände. Ich klatsche mir kaltes Wasser ins Gesicht. Begierig trinke ich einige Schlucke
vom kühlen klaren Wasser. Wie eine Erlösung scheint mir das Nass, das meinen trockenen
Mund befeuchtet, die Kehle hinab rinnt. Philosophie macht durstig. Mittlerweile
ist es so dunkel, dass ich von der Lichtung nur noch Schemen erkenne.
Am Weg zu den Erdbeeren wirft sich mir die Frage auf, ob ich mit meiner Tat nicht nur
seine These nicht widerlegt, sondern sogar belegt haben könnte. Ein schrecklicher Gedanke,
die Erkenntnis brennt wie glühendes Eisen. Ich gehe zu dem zerfetzen Überresten
des Märtyrers, schnalle mir sein Schwert um und ziehe in der Schwärze des nächtlichen
Waldes los. Über mir zeichnet sich ein schmaler Pfad aus dunkelblauer Nacht, vereinzelt
aufgehellt durch funkelnde Sterne, da wo die Bäume dem Weg gewichen sind.
Trotz der Dunkelheit fürchte ich mich nicht, zielsicher führen mich meine Schritte durch
die Finsternis. Der Schwache ist an diesem Tag erstarkt, zum Stärkeren geworden. Ein
hässlicher Gedanke, eine grausige Philosophie. Wahnsinn den ich widerlegen wolle,
Wahnsinn den ich nur bestätigte. Und davon also werde ich, Zarathustra, sprechen.
(c) Yo May
Rubrik:
Kurzgeschichten,
Yo May
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1 Kommentare:
Das ist erstaunlich, aber eigentlich auch wieder nicht.
Der Horizont des Unmöglichen, vermag den des Möglichen nicht zu übersteigen.
μαθηματικά
Schön geschrieben, übrigens!
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