postheadericon Carpe Diem, Baby 2.0 - Part 2


Hier die Fortsetzung: 

Sollicitudo
Es hatte vor drei Wochen begonnen. An einem Sonntag Abend war die Nachricht von allen nationalen und internationalen Medien bekannt gegeben worden. Wir hatten noch einen Monat. Wir. Die ganze Menschheit. Alle, bis auf ein paar Auserwählte, die eine geringe Chance hatten, der Katastrophe zu entgehen. Die Welt wird nicht mehr die selbe sein. Und unsere Zivilisation wird ausgelöscht werden. Was also machst du mit der dir gegebenen Zeit?
Die Regierung hatte schon Jahre davon gewusst, doch es erschien ihr als die bessere Lösung die Bevölkerung im Ungewissen zu lassen. Man hatte einen minimalen Anteil der Menschheit dazu eingeladen, vor der Katastrophe die Erde zu verlassen. Doch was wissen wir einfachen Leute schon davon? Wir müssen uns mit unserem Schicksal anfreunden. Wir müssen für uns entscheiden, was wir mit der uns gegebenen Zeit anfangen wollen.
Am Montag war die gesamte Weltwirtschaft zusammen gebrochen, Warenlieferungen eingestellt und Geschäfte geplündert worden. Einige freischaffende Journalisten druckten im Alleingang wenige Exemplare von Zeitungen. Menschen stürmten in Scharen in Kirchen, manche begangen auf offener Straße Selbstmord. In Paris und Moskau wurde Autobomben von wahnsinnigen Einzeltätern auf öffentlichen Plätzen gezündet, Krankenhäuser schlossen den Betrieb und mehrmals am Tag brach die Stromversorgung ein. Der Großteil des Flugverkehrs wurde eingestellt und Treibstoff an den Tankstellen war nunmehr Mangelware.

Mittendrin eine Wohngemeinschaft von drei Stundenten. Ich, Ben und Vera. Alle Mitte zwanzig. Sich mit dem sicheren Tod abzufinden, war gar nicht so einfach. Vera, zum Beispiel, sonst die Frohnatur in Person, wurde von Heulkrämpfen geschüttelt – Tag für Tag. Ben war ständig bekifft. Er sprach nicht viel darüber.
Und ich? Was ich eigentlich dachte, behielt ich für mich. Denn in Wahrheit schämte ich mich ein bisschen für meine Gedanken. Wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst war, beunruhigte mich dieser bevorstehende Weltuntergang nicht. Weltuntergang – wie das schon klingt. Aber das war es, was uns bevorstand. Dass wir alle sterben würden, war die unleugbare Wahrheit. Und auf eine seltsam beruhigende Weise stimmte mich der Gedanke zufrieden und versetzte mich in eine tiefe, innere Ruhe. Vielleicht, weil mir bewusst war, dass alle von uns gehen mussten. Vielleicht, weil ich bereits manchmal daran gedacht hatte, von selbst zu gehen. Oder vielleicht, weil alle anderen Sorgen meines Lebens wie weggefegt schienen. Die bevorstehende Seminararbeit an der Uni machte mir keine Sorgen mehr. Noch lebte ich, allerdings im Hier und Jetzt. Und nie in meinem vierundzwanzigjährigen Leben hatte ich es so intensiv gespürt. Doch warum hielt mich diese tiefe Demotivation davon ab, die Sachen zu tun, die ich schon immer tun wollte? Diese verankerte Trägheit wollte mich nicht los lassen. Und das war es, was mich wirklich beunruhigte. 

(c) Pia Colada

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"There was a time when all inspiration came out of words and all precious was written When we lay under trees and wished for the sun to stay" Literatur = „Die Kunst, Außergewöhnliches an gewöhnlichen Menschen zu entdecken und darüber mit gewöhnlichen Worten Außergewöhnliches zu sagen." (Pasternak)
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