Asmelons Monde, Kapitel 2: Schicksalhafte Begegnungen
Zwei Tage lang waren Nuria und Eldir nun schon unterwegs. Am Abend des
ersten Tages hatten sie den Rand des Schattenwaldes erreicht. Sie folgten nun der
einzigen Straße, die sich durch den geheimnisvollen Wald der Waldelfen
schlängelte.
Sie sprachen wenig miteinander und wenn, nur das Nötigste. Nachts wechselten
sie sich mit der Wache ab und je tiefer sie in den Schattenwald gelangten, desto
schlechter schliefen sie. Nuria bemerkte, dass Eldir nachts nicht schlief, sondern
seinen Blick starr ins Feuer gerichtet hatte. Nuria vermied es ihn anzusehen; sie
versuchte nicht einmal ihn auf sein merkwürdiges Verhalten anzusprechen. Je
wohler Nuria sich in den letzten Monaten in seiner Nähe gefühlt hatte, desto
unbehaglicher wurde ihr, wenn sie nun abends an seiner Seite saß.
Am fünften Tage ihrer Abreise von Falanstyr machten sie an einer Waldlichtung
Rast. Allmählich wurden ihre Vorräte knapp und sie mussten spärlich mit dem
Essen umgehen. Zudem wagten sie es nicht, im Reich der Waldelfen zu jagen.
„Hörst du es auch?“, fragte eine Stimme hinter Nurias Rücken und sie zuckte
unwillkürlich zusammen. Es waren ihre Stunden der Nachtwache und sie starrte
gedankenverloren in die Dunkelheit, bis die raue Stimme sie aus den Gedanken
riss. Doch die Stimme war ihr vertraut. Eldir schlief nicht, wie schon die Nächte
zuvor.
„Was soll ich hören?“, fragte Nuria leise. „Ich höre nichts. Nicht einmal das
Rauschen der Blätter im Wind, wie in unserer Heimat, in den Wäldern nahe des
Tränensees.“
Eldir nickte. Etwas Beunruhigendes lag in seinem Blick. „Genau, findest du das
nicht seltsam?“
Nuria senkte den Blick. Sie wusste, dass etwas in diesem Wald nicht stimmte.
Schon seit Jahrtausenden mieden die Menschen den geheimnisumwitterten Wald.
Nun hörte sie es auch, das laute Nichts.
„Dieser Wald gefällt mir ganz und gar nicht“, flüsterte Eldir. „Je schneller wir ihn
hinter uns lassen, desto besser.“
Die Bäume standen still da und kein Laut war zu hören. Eldir hatte sich wieder in
seine Deckte gerollt und begann regelmäßig zu atmen. Nuria wäre wohler
gewesen, wenn er mit ihr zusammen Wache gehalten hätte. Allmählich verlor sie
das Zeitgefühl und sie wusste nicht, wie lange sie dasaß und verzweifelt
versuchte, den kleinsten Laut zu vernehmen.
Und plötzlich hörte sie ein Rascheln im Unterholz.
„Beweg dich nicht“, flüsterte Eldir. Er war wieder wach. Oder hatte er gar nicht
geschlafen? „Hier ist jemand.“
Nurias schweißnasse Hände griffen nach ihrem Schwert. Wieder herrschte
absolute Stille. Sie sah Eldir an. Er saß so ruhig da, dass man ihn in der
Dunkelheit leicht hätte übersehen können.
„Wen haben wir denn hier?“, fragte eine wohlklingende Frauenstimme hinter
ihnen. Nuria fuhr vor Schreck zusammen und drehte sich um.
Eine Elfe stand mit gezogenem Schwert vor ihrem Lager. Ihre helle Haut konnte
man sogar in der Dunkelheit des Schattenwaldes erkennen und ihre stechend
blauen Augen leuchteten wie zwei Saphire.
Plötzlich spürte Nuria etwas Kaltes an ihrem Hals. Sie wagte nicht zu atmen.
Jemand stand hinter ihr und drückte eine Messerklinge an ihre Kehle. Sie fühlte
eine raue Hand an ihrem Gesicht. Heißer Atem kitzelte an ihrem Ohr. Die Elfe
stand noch immer vor ihr, doch ihr Blick wanderte zu der Gestalt, die Nuria mit
der Klinge bedrohte.
„Das ist kein Dunkelelf, Arwila“, sagte die Gestalt. Die Stimme war männlich und
tief. Nuria wagte es noch immer nicht, sich umzudrehen.
„Wer seid Ihr?“, fragte die Elfe Nuria scharf. Anscheinend hatte sie Eldir nicht
bemerkt, wie er so still nur wenige Fuß weiter am Boden kauerte.
„Wir sind Reisende aus Endorion. Dass wir keine Dunkelelfen sind, wirst du mir
hoffentlich glauben, Arwila.“ Diesmal war es Eldir, der gesprochen hatte. Kannte
Eldir etwa die Elfe?
Die Elfe namens Arwila und der Mann hinter ihr zuckten zusammen. Eldir erhob
sich. Arwila ging näher an Eldir heran und war sichtlich erstaunt.
„Eldir Skildorson? Sohn des Fürsten von Nareath?“, fragte die Elfe ungläubig.
Eldir nickte, was man jedoch nur schwer in der Dunkelheit erkennen konnte.
Nuria spürte, wie der Mann die Klinge absetzte und sie losließ. Sie atmete tief
durch und rieb sich den schmerzenden Hals.
„Es ist wahrlich eine Freude, dir in so schlimmen Zeiten noch einmal zu
begegnen, Eldir“, sagte Arwila sanft und verbeugte sich. Ein langer Zopf fiel ihr
über die Schulter.
„Seid gegrüßt, Sohn Endorions!“, meldete sich nun der Mann hinter Nuria zu
Wort. Wie Arwila trug er einen Elfenmantel, doch an seinen Bewegungen konnte
man eindeutig erkennen, dass er ein Mensch war. „Ich bin Hagaar Heironson. Ich
komme aus Lunidor. Arwila hat schon viel von Euch erzählt.“
Auch Eldir verbeugte sich zur Begrüßung.
Nuria kauerte noch immer unbeachtet auf dem feuchten Waldboden. Eldir kannte
diese Leute, also waren sie nicht in Gefahr. Schließlich nahm Eldir Nurias Hand
und half ihr auf.
„Das ist Nuria, meine Begleiterin“, stellte er sie vor. Hagaar, der Fremde aus
Lunidor begrüßte sie und entschuldigte sich dafür, sie so grob behandelt zu haben,
doch die Waldelfe schien es eilig zu haben.
„Genug der Vorstellungen, Eldir. Kommt mit uns in unser Quartier. In diesem
Wald ist man niemals sicher, man sollte auf der Hut sein“, sagte die Elfe und
schenkte ihm ein Lächeln, das so hell war, dass man es selbst in der Schwärze des
Waldes erkennen konnte.
Nuria fühlte sich in Gegenwart der Elfe namens Arwila unwohl. Ein ungutes
Gefühl überkam sie, als sie in die wolfsgleichen Augen der Elfe schaute.
Eldir und Nuria banden ihr Gepäck auf die Pferde, nahmen sie an den Zügeln und
folgten Arwila und Hagaar, die einen finsteren Weg abseits der Straße
einschlugen. Die Dunkelheit machte ihnen zu schaffen und sie kamen nur langsam
voran. Nur Arwila ging trittsicher voran. Plötzlich konnte man in der Ferne einen
Lichtschimmer erkennen. Sie waren bereits über eine Stunde durch das Dickicht
geschlichen. Niemand hatte ein Wort gesagt.
Das Licht wurde heller und es dauerte nicht lange, da standen sie vor einer Hütte
aus Holz. Zwei Fackeln brannten vor dem Eingang. Nuria war sich sicher, dass
diese Hütte nicht von Waldelfen stammte. Sie bevorzugten keine kleinen Hütten,
sondern lebten meist in den Kronen alter Bäume.
Nuria und Eldir banden ihre Reittiere neben drei weitere Pferde, die ruhig vor der
Hütte an einem Unterstand dösten. Hagaar nahm die beiden Fackeln und trat ins
Innere. In der Hütte brannte das Licht einer Öllampe.
„Da seid ihr ja wieder“, drang eine Stimme in die Ohren der vier.
„Ja, Lodus. Und wir haben jemanden mitgebracht“, antwortete Arwila. Ein alter
Mann saß an einem grob gefertigten Holztisch. Er hatte langes silbergraues Haar
und einen ebenso langen Bart. Neben ihm auf dem Tisch lag ein großer spitzer
Hut. Der Hut eines Magiers.
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