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Bist du sicher.
Ich mag keine Fragezeichen. Die Tür schwingt verheißungsvoll auf, mit ihr fließen schwermütige
Erinnerungen herein, sie schwingen in der Luft und drehen bunte Kreise. Geschlossene Augen, die
Erinnerungen tanzen mit dem Geruch nach Desinfektionsmittel, kalt und blau riecht es. Wie jeden
Tag. Routine. Jeden Tag hängt sich abgestandener Zigarettenrauch an meinen Mantel, und niemals
lässt er los bevor ich da bin. Vor der ersten Zigarette niemanden sehen wollen. Die erste Zigarette
nicht sehen wollen. Desinfektionsmittel tanzen sehen. Kalt und blau. Routine. Ich mag keine
Fragezeichen, ich finde sie verhöhnen mich. Alleine die Buchstaben an der Tür. Bist du sicher.
Manchmal überlege ich, ob es nicht Teil meiner heiligen Bürgerpflicht wäre, ein Fragezeichen
anzuhängen - die Erfüllung meiner Bürgerpflichten war niemals eine meiner ausgefeilteren
Kompetenzen. Bist du sicher. Die erste Zigarette lacht mich schon aus, bevor ich sie aus dem
Abgrund gezogen habe, indem ich alle meine schlechten Gewohnheiten aufbewahre. Ordentlich
aneinander gereihte Regale. Größer als die, in denen meine Kindheit ruht.
203 blaue Fliesen verteilen sich hier, hat mal jemand zu mir gesagt. Den Kippengeruch durch die
Stadt schleppen. Die erste Zigarette des Tages rauchen. Desinfektionsmittel einatmen. Erinnerungen
tanzen sehen. Sie schmeckt scheußlich, diese Zigarette. Routine. Ich hänge den Mantel an die Wand
und der gestrige Tag tropft mitsamt dem Gestank schwer davon ab.
Wenn ich die Augen schließe, spüre ich ihre Hände noch. Irgendwanneinmal waren sie sehr weich,
ihre Hände. Ich spüre ihre Umarmung, wenn ich die Augen schließe, rieche ihren Schweiß, ihr viel
zu süßes Parfum, ich spüre diese Lippen an meinem Hals. Ich schließe die Augen immer seltener.
Heute sind sie sehr rau, ihre Hände. Sie haben sich am Leben und an der Routine abgerieben. Meine
Augen sind noch geschlossen, solange ich sie nicht öffne ist sie noch bei mir. Manchmal frage ich
mich, ob ich sie hier, hinter meinen Lidern, gegen ihren Willen festhalte. Sie sieht mich an, ihr
Blick ist in irgendeiner beschnittenen Weise liebevoll, doch es fehlt diesem Blick eine Farbe, ein
Ton, irgendetwas. Dieser Blick ist liebevoll und gleichzeitig ein immer fortwährender Abschied. Ich
habe Angst, wenn ich sie so sehe, ich weiß nur nicht, ob ich Angst habe, dass sie diesen Blick
morgen, übermorgen, vor einem Monat in die Tat umsetzt, oder ob ich fürchte dass sie es nicht tut.
Ein einzelner Mensch hält so viel Abschied nicht aus. Die Augen immer seltener schließen. Ich
öffne müde die Augen, und ihre rauen Hände verschwinden zwischen meinen Beinen. Langsam.
Routiniert. Ich starre in meinen persönlichen Abgrund und kämpfe ein aussichtsloses Gefecht mit
der zweiten Zigarette.
Langsam verbreitet sich ein bitterer Geruch nach Kaffee in diesem, meinem persönlichen Raum.
Ein Lichtblick, das Desinfektionsmittel schwindet etwas. Tiefschwarze Erinnerungen leuchten am
grellsten – wann sind ihre Hände nur so rau geworden. Morgens liege ich im Bett und verliere den
Krieg gegen die Flut der Erinnerungen. Solange ich alleine dort liege, verliere ich den Krieg Tag für
Tag. Vielleicht brauche ich einen zweiten Menschen an meiner Seite nur aus diesem einzigen
Grund: Um jemanden zu haben, der dich aus den Armen der Vergangenheit reißt. Kaffee trinken.
Die zweite Zigarette rauchen. Die Augen nicht schließen wollen.
Die Geräusche der Stadt dringen plötzlich ungefiltert herein – ein „plötzlich“ das Momente lang
andauert, um dann doch schnell vergangen zu sein – jemand hat die Tür geöffnet.
Ganz kurz nur schließe ich meine Augen um ihre Arme um meinen Hals zu spüren. Der
Kaffeegeruch treibt den Druck ihrer Arme fort, sie trinkt keinen Kaffee. Zwei Schritte bis zum
Raum mit der alten roten Couch und dem kleinen Tischchen. Zwei Schritte bis zu dem Stapel mit
Verzichtserklärungen darauf. Zwei Schritte und einen noch, dann kann man die Kaffeeflecken auf
dem Tisch sehen, und die Zeitschriften unter der Glasplatte. Stapel neben Stapel. Der Luftzug
streichelt sanft über meine Bartstoppel, und die Tür geht widerwillig wieder zu. Halb erwarte ich
noch, ihr Gesicht zu sehen, die tiefbraunen Augen, die jeden Tag meinen Abgrund absuchen.
Zwischen mir und der Tür steht ein Mädchen.
Niemanden sehen wollen vor der dritten Zigarette. Jeden Tag dieselben zwei Schritte gehen. Alleine
im Bett liegen und den Kampf aufgeben. Manchmal überlege ich, dass ich eigentlich niemanden
brauchen sollte, der mich vor meinen Erinnerungen und Gedanken bewahrt. Die Sekunden, in denen
ich das denke, sind die, in denen ich mich am meisten nach ihrer Gegenwart sehne. Ich hätte dich
jetzt so unendlich gern hier... Doch vor mir stehst nicht du. Blaue Augen. Blau wie der Geruch des
Desinfektionsmittels. Schweigend stehen wir uns gegenüber, ich versuche, das Mädchen, das der
Stadtlärm und die abgasdurchtränkte Luft in mein Studio getragen hat, in die Bildergallerie meines
Kopfes einzutragen. Doch sie lässt sich nicht fangen, es scheint, als würden die Konturen ihres
Gesichtes verblassen, sobald man den Blick davon abwandte. Den Blick nicht abwenden. 203 blaue
Fliesen starren in das Gesicht des Mädchens. Eiskalte, blaue Augen. Doch der Blick ist leer.
Unentschlossen. Die Arme hält sie schützend vor dem Körper, als wolle sie die zirkulierenden
Erinnerungen davon abhalten, durch jede einzelne Pore in ihren Körper zu dringen und sie in einer
Flut aus Bildern mitzureißen in eine Welt, der ihr leerer Blick egal ist. Nichts ist so schwarz wie
eine Fensterscheibe, hinter der nichts ist, und man auf jemanden wartet, hab ich mal gelesen. Die
blauen Augen sehen so aus, als hätten sie zu lange durch dieses Fenster gestarrt. Es sind Augen, die
keine Fragezeichen mehr kennen. Sie sehen aus, als würden sie nur Sätze ohne Satzzeichen bilden.
Schweigend in einer Welt voller Lärm stehen. Keine Fragezeichen mögen. Zirkulierende
Erinnerungen sind nicht nur bunt, sie sind auch laut.
Hast du heute Zeit. Fragt sie. Ihre Stimme klingt fest entschlossen. Auf jede Antwort gefasst. Trotz
der simplen Frage. Vielleicht sind es manchmal die Antworten auf die simplen Fragen, die uns am
härtesten treffen können. Hast du heute Zeit. Ich mache erst in ner Stunde auf, sage ich, und bin mir
gleichzeitig bewusst, dass das keine passende Antwort ist. Ich will nur nen Namen. An der
Innenseite des linken Oberschenkels. Ich kann das gleich zahlen.
Erst mal hinsetzen. An die Zigarette denken, die im Hinterzimmer zu einem Zylinder aus weißer
Asche wird. Ich steche keine Partnertattoos. Ich versuche, den Blick nicht von ihren Augen zu
wenden, während ich das sage, als hätte ich Angst sie würden jeden Moment verschwinden. Einen
Moment lang denke ich, das sich ihr Gesicht verzieht, als wollte sie verächtlich lachen. Aber sie
starrt nur. Auf die Verzichtserklärungen. Auf die Kaffeeflecken. Sie sieht aus als wolle sie die Stille
nicht länger als nötig brechen. Kein Männername. Mithras.
Draußen verzieht sich eine Wolke, und vielleicht hat sich eine der grauen Zinnen kurz verschoben,
denn irgendwie schafft es ein Lichtstrahl zu uns herein. Wenn das Licht für einen kurzen
Augenblick intensiver in den Raum fällt ist es, als würde sich deine Seele für Sekunden um ein paar
Zentimeter erheben. Bis sie an die Grenze deines Körpers dringt. Solche Augenblicke beziehen ihre
Bedeutung stets aus ihrer Kurzweiligkeit. Blaue Augen.
Mithras. Was bedeutet das. In meiner Branche muss man Fragen stellen. Wenn auch ohne
Fragezeichen. Mithras ist der Gott, der Demian zu sich selbst führt. Kurz ist es sehr still. Ich bilde
mir ein zu hören wie die Zigarette um ihren letzten Lebenshauch seufzt. Ich stelle mir vor wie der
Rauch aufsteigt und sich genussvoll im Raum verteilt. Ich war schon immer angetan von der
Ästhetik aufsteigender Rauchschwaden. Mithras ist der Gott, der Demian zu sich selbst führt.
Gleich jetzt, frage ich sie. Das Meer in ihren Augen gewährt eine Sicherheit, die ich selten bei
meinen Kunden sehe. Die Buchstaben an der Tür verlieren etwas an Schwärze. Sie nickt.
Keine Farben, keine Schattierungen. Keine Verzierungen, keine besondere Schrift. Das
gleichmäßige Surren der Nadeln klingt wohltuend im Raum. Trotz des monotonen Surrens ist es
still im Raum. Das Mädchen mit den blauen Augen sitzt absolut still da, ihr Atem geht gleichmäßig
und drängt die Wellen in ihren Augen mit gewaltiger Kraft hin und her – sie sieht nicht einmal auf.
Sie sieht keine Sekunde hin. Ich habe keine Ahnung wer Mithras ist. Oder Demian. Kurz bevor ich
ein letztes Mal die Nadeln aufsetze schließe ich die Augen. Kurz Atmen. Kurz deine Hände spüren.
Was glaubst du, wird dieser Gott das blauäugige Mädchen zu sich selbst führen. Ich weiß es nicht.
Wie hält sie es aus hinter diesen leeren Augen zu wohnen. Die Körper sind die Särge der Herzen,
habe ich einmal gelesen. Ich bin fasziniert von diesem Blau. Ihr Sarg zumindest hat nun ein Wort
mit sieben Buchstaben an der Innenseite des linken Oberschenkels. Sieben Buchstaben, 203 blaue
Fliesen, blau wie das Meer, gewaltig wie die Wellen. Atmen. Ihre Hände spüren. Den kalten blauen
Blick gegen den seltsam, liebevollen austauschen. Ihre Lippen an meinem Hals fühlen. Sieben
Buchstaben schreiben. Wenn Mithras ihr geholfen hat, zu sich zu finden. Was dann. Wird sie sich
dann besser als bisher durchs Leben schleppen können. Warum muss das Leben eine Berg- und
Talfahrt aus oberflächlicher Fröhlichkeit und tiefgründiger Depression sein. Wer sein Glück nicht
von anderen abhängig macht, habe ich gelesen, der allein führt ein selbstbestimmtes Leben. Ich
schließe die Augen und spüre ihre Arme und den Blick ihrer goldenen Augen.
Das Mädchen sieht sich den neuesten Schmuck ihres Sarges nicht einmal an. Sie bezahlt. Ich
schließe die Türe hinter ihr. Absperren. Die dritte Zigarette rauchen. Die erste Zigarette genießen.
Einen Tag mittags für beendet erklären.
Ich nehme meinen Mantel von der Wand, der Geruch nach Desinfektionsmittel klammert sich fest
an jede einzelne Faser. Die Erinnerungen haben inzwischen aufgehört in der Luft zu tanzen, nun
dreht sich dort nur mehr Staub. Die Präsenz blauer Augen hat das Studio nicht zusammen mit dem
Mädchen verlassen. Sie ist noch hier, ich denke ich muss mich nur umdrehen um das Mädchen mit
dem Gesicht, an das ich mich nicht mehr erinnere, wiederzusehen. Mit Ausnahme der Augen. Ich
habe einen neuen Namen für dieses Blau. Sieben Buchstaben.
Nach Hause gehen. Den Stadtlärm desinfizieren. Die Augen schließen.
Bist du sicher.

(c) Ronja

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"There was a time when all inspiration came out of words and all precious was written When we lay under trees and wished for the sun to stay" Literatur = „Die Kunst, Außergewöhnliches an gewöhnlichen Menschen zu entdecken und darüber mit gewöhnlichen Worten Außergewöhnliches zu sagen." (Pasternak)
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