Asmelons Monde, Kapitel 1: Schatten der Vergangenheit
Der Grund, warum Nuria und Eldir die Grenze zu Asmelon passiert hatten, war
tatsächlich nicht um Waren der Elfen zu kaufen. Vor einiger Zeit hatte Nuria durch
einen Zufall von ihrem alten Lehrer und Ziehvater Orik, bei dem sie seit siebzehn
Jahren lebte, erfahren, dass sie die Tochter Reondils war. Die Tochter des letzten
Elfenkönigs von Asmelon. Ihre Mutter, wie man ihr erzählt hatte, sei eine einfache
Frau aus Nareath gewesen.
Asmelon war die Heimat vieler Elfenvölker. Am zahlreichsten vertreten waren die
Waldelfen, die verstreut in den Wäldern Asmelons lebten. Weiters gab es die
Meerelfen, die die Küste im Süden bewohnten und die man leicht an ihren
Seetang farbenen Haaren erkennen konnte. Aus den Sümpfen an der Grenze zu
Theríalor kamen die Dunkel- oder Sumpfelfen, die sich vom Aussehen stark von
den anderen Elfenvölkern unterschieden. Sie waren kleiner und hatten schräg
stehende Augen, die ihre gräulichen Gesichter oft gefährlich aussehen ließen.
Unter den Völkern des Nordkontinents erzählte man sich, dass Ador, der
Göttervater, sie aus dem Torf der Sümpfe von Calynver erschaffen hatte. Die
meisten Dunkelelfen hatten sich vor Jahrhunderten an der Ostküste Asmelons
angesiedelt und die Stadt Agantur gegründet.
Reondil der Weise gehörte dem Volk der Mondelfen an und diese waren vor allem
für ihre Studien und Beobachtungen der Gestirne bekannt. Kein anderes Volk
kannte die Sterne und Himmelskörper besser als die Mondelfen.
Reondil hatte bereits dreißig Jahre lang sein Amt als König von Asmelon inne, als
er Opfer des größten Verrats in der Geschichte der Elfen wurde. Eines Nachts
wurden die Fünf Türme, die riesige Festung in Asgarith am Nebelmeer, von
Dunkelelfen gestürmt und Reondil und sein Weib wurden bestialisch ermordet.
Die Elfen aus den Sümpfen waren seit jeher gegen die Herrschaft der Mondelfen
und oft hatten sie Drohungen geäußert, einmal gewaltsam den Thron Asmelons an
sich zu reißen. Niemand hätte je geglaubt, dass die Sumpfelfen diese Drohung in
die Tat umsetzen würden.
Die Dunkelelfen glaubten, mit dem Massaker in den Fünf Türmen der Herrschaft
Reondils Familie ein Ende bereitet zu haben, obwohl sie die einjährige Tochter
des Elfenkönigs nie gefunden hatten…
Und niemals hätte man in Erwägung gezogen, dass ein alter Mann aus dem Volk
der Menschen das Kind aus der Festung gerettet hatte und mit ihm in den Norden
Endorions geflohen war. Sein Name war Orik und er gab dem Mädchen den
Namen Nuria, was „Mondkind“ in der Alten Sprache bedeutete.
Asmelon bekam einen neuen Herrscher, und niemanden überraschte es, dass es
gerade eine Dunkelelfe war, die den Thron der Elfen nun ihr Eigen nannte. Wer
sich gegen die selbst ernannte Königin namens Rachmorda stellte, wurde
hingerichtet, genauso wie die Elfen, die als engste Freunde Reondils galten. Seit
diesem Tag an herrschte Schrecken und Unterdrückung in der Hauptstadt der
Elfen.
Wenig später brach das Chaos im gesamten Reich Asmelon aus. Da die Menschen
des Westens sich weigerten Rachmorda als rechtmäßige Herrscherin des
Nachbarreiches anzuerkennen und mit ihr Bündnisse einzugehen, blockierte sie
die Handelsstraßen von Lunidor durch Asmelon zum Nebelmeer, damit die
Menschen mit den Kobolden der Insel Itigis keinen Handel mehr betreiben
konnten. Selbst die Grenzposten zu den anderen Reichen wurden strenger
bewacht. Die Fürstentümer in Asmelon wurden unter einigen wenigen
Dunkelelfen aufgeteilt, frühere Fürsten wurden versklavt oder beseitigt. Selbst die
Stadt Hadrun wurde von Sumpfelfen besetzt, seit aufständische Westmenschen in
Asmelon eingedrungen waren. Dunkelelfen hatten sie schließlich gefasst, sie auf
Rachmordas Geheiß geköpft und ihre Köpfe an Hadruns Stadtmauer gepfählt.
Seitdem herrschte Krieg zwischen beiden Reichen und Rachmordas
Schreckensherrschaft schien kein Ende zu nehmen…
Doch eines Tages fand Rachmorda die Spur zu der rechtmäßigen Erbin des Throns
der Elfen, und diese Spur führte ihre Krieger nach Nareath, eine Stadt am Fuße
des Calneons. Sie zwang den Fürsten Nareaths die Halbelfe, die mittlerweile
siebzehn Lenze zählte, ihren Kriegern auszuhändigen oder er müsste mit einem
Angriff auf seine Stadt rechnen. Als Fürst Skildor sich weigerte, kam es zu einer
Auseinandersetzung zwischen Skildors und Rachmordas Kriegern, wobei Nuria
mit Eldirs Hilfe fliehen konnte. Der jüngste Sohn Skildors jedoch, der durch den
Kampf schwer verletzte Baldir, wurde von den Elfen gefangen genommen und
nach Asgharit, in die Hauptstadt des Elfenreiches, verschleppt.
Lange wurden die Handlanger Rachmordas mit Baldir als Geisel verfolgt, doch
die Elfenpferde schienen von etwas Magischem angetrieben und schließlich war
man gezwungen aufzugeben. Skildor Hogarsson war sich sicher, dass Rachmorda
ihre Finger im Spiel gehabt hatte.
Er zog in Betracht selbst mit einem Heer in Asgharit einzumarschieren, doch er
besann sich zur Vernunft, da Nareath gegen die Streitmacht der Elfen nur wenig
auszurichten vermochte. In seiner Not befahl er seinem ältesten Sohn Eldir nach
Asgharit zu reisen um seinen jüngeren Bruder aus den Fängen der grausamen
Magierin zu befreien. Eldir gehorchte, jedoch nur seinem Vater zuliebe. Tief im
Inneren wusste Eldir, dass Skildor seinen älteren Sohn mehr liebte, als ihn selbst
und er Eldir jederzeit und ohne zu zögern für Baldirs Leben eintauschen würde.
Mit Eldir Skildorsson ging Nuria, die sich Schuld an der Entführung des
Fürstensohns fühlte. Es fiel Orik schwer seine Ziehtochter gehen zu lassen, doch
die Halbelfe ließ sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Mittlerweile wusste
sie, dass Rachmorda nichts mehr fürchtete, als die rechtmäßige Erbin des Thrones
der Elfen an den Toren von Asgharit.
(c) Pia Colada
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